Hohe Absätze, hohe Erwartungen

 

Frauen waren nicht die Ersten, die die Geschichte der High Heels schrieben. Dennoch sind sie heute diejenigen, die sie tragen, was für viele von ihnen zu einer schmerzhaften Gewohnheit geworden ist. Im 17. Jh. Trugen die Männer, die zur Aristokratie gehörten, hohe Absätze, um ihren gesellschaftlichen Status hervorzuheben – als Privileg der Klasse, die nicht arbeiten musste. Später jedoch, als auch die höhergestellten Männer zu arbeiten begannen, ersetzten sie die Absätze durch praktischere und funktionalere Fußbekleidung. Die aristokratischen Frauen behielten jedoch die Absätze als Erbe ihrer früheren Macht.  Aus dem frühen 20. Jh. stammten viele Aktbilder der Frauen in den hochhackigen Schuhen. Heute sind hohe Schuhe ein untrennbares Element der Laufstege, Teil der Dienstkleidung oder werden von den Models und Schauspielerinnen getragen – auf manch Galas kommt man als Frau nicht auf das rote Teppich, ohne High Heels zu tragen.

Geschichte des hohen Absatzes

 Schon zu der Zeit des alten Ägyptens (3500 v. Chr.) wollte


sich die Oberschicht von der Unterschicht durch das Tragen der Absätze abheben. Den Überlieferungen zufolge sollen auch bestimmte Berufsgruppen, wie zum Beispiel Metzger, hohe Schuhe getragen haben, um ihre Füße vom blutigen Boden sauber zu halten.

Vor 2000 Jahren trugen die altgriechische und römische Schauspieler Schuhe mit einer dicken, aus Kork angefertigten Sohle. Das erste Modell dieser Art wurde unter Griechen "Kothornos" und unter den Römern "Cothurnus" genannt. Der Schuh war ein geschnürter Halbstiefel mit einer extrem dicken Korksohle und wurde zunächst von den Schauspielern getragen. Da im griechisch-römischen Drama vor allem die Gottheiten, Könige und Königinnen auftraten, halfen diese Schuhe den Darstellern, furchterregend auszusehen und in den Augen von Zuschauern bedeutungsvoll zu erscheinen. Die Hauptdarsteller wurden mit einem höheren Kothurn ausgestattet als die Nebendarsteller und Chorsänger.

In Venedig des 16. Jh. gewann der hohe Absatz an Bedeutung und wurde zum Anzeiger des persönlichen Ranges. Zu dieser Zeit war Venedig eine wichtige Handelsstadt und sein Wohlstand wuchs. Eines der beliebtesten Statussymbole war ein auffälliger Pantoffel, genannt Chopine – exklusiv weibliche Variante hatte den Absatz der Höhe von 15 bis 50 cm und bestand aus Holz oder Kork. Das Vorbild für dieses Schuhwerk war der Schuh aus dem osmanischen Reich, dem wichtigsten Handelspartner von Venedig. Chopines verfügten über eine oder zwei stützen und waren ziemlich problematisch beim Tragen. Zu sehen bekam man sie nicht: der bodenlange Saum der Renaissance-Kleides verhüllte sie und weckte eine Illusion – die Trägerin erschien viel größer, als sie tatsächlich war. Je größer eine Dame war, desto höher, aber auch grauenhafter und unpraktischer, ihre Fußbekleidung. Die Chopins waren im Gehen ganz unbequem: die Trägerin musste von den Bediensteten gestützt werden.  Die Trägerinnen gehörten meistens zu der herrschenden Klasse Venedigs – nur Frauen mit viel Freizeit konnten den Luxus leisten. Vor allem in Italien und Spanien blieb Chopine ein wertvolles Symbol weiblicher Vollmachtstellung. Um 1600 erreichte sie auch den Rest des Europas.

Während des Anciene Regimes erfand man den roten Absatz, der die Angehörigen des Königshofes identifizierte. Im Orient dienten die Absätze zu dieser Zeit als Funktionskleidung der persischen Ritter und hatten den Zweck, sie sicher im Sattel zu halten: Soldaten hatten einen festen Halt im Steigbügel. Durch die diplomatischen Delegationen erreichte dann der Absatz den Hof des König Ludwig XIV, der für den Absatz eine Anwendung fand (seine Absätze erreichten sogar 10 Zentimeter) – so entstand der rote Absatz, bei dem es strengstens verboten war, ihn unter den Nichtangehörigen des Hofes zu tragen. Den Gerüchten zufolge wollte der König somit seine geschätzte Größe von 1,63 aufholen. Der Sonnenkönig machte ihn zum einer Kleidungsmode der männlichen Höflinge. Nach der französischen Revolution schaffte Napoleon den Absatz ab und führte den flachen Schuh ein.


Aufgrund seiner die Körperhaltung verändernden  Eigenschaften wurde der Absatz bei den Damen beliebt: Durch das nach vorne Bringen betonte er den Busen, brach die Wirbelsäule in eine sinnliche S-Kurve und schob den Hinterteil nach oben. Aus diesem Grund übernahmen Frauen wie Kurtisanen oder Kunstmodelle (deren Anzahl in der Zeit der Belle Epoque besonders stark zugenommen hat) von den adligen Frauen die Mode.

Freud sah das sexuelle Potential des Damenschuhs als Impuls: der Absatz stand für ihn für den fehlenden Penis der Mutter, das durch ein vergleichbares Objekt ersetzt werden musste. Von diesem Gegenstand ging für die Fetischisten für alle Zeiten eine unvergleichlich große erotische Anziehungskraft aus.

Mit dem Ende des 17. Jh., im Züge der Aufklärung, kam es zu einer Differenzierung in der Männer- und Damenmode: Glamour wurde unter dem starken Geschlecht nicht mehr angesagt – zugunsten der Funktionskleidung (dies betraf auch die Nachfrage an Schmuck und Bekleidung), was zur Ernüchterung der Männermode führte. Noch wurden die hohen Absätze von Frauen getragen: sie dienten als die Betonung weiblicher Formen, insbesondere durch Schaffung eines ausgeprägten Bogens und die Betonung der Rundungen der Beine. Im viktorianischen Zeitalter wurden sie zu einem festen Bestandteil der Damenmode: es gab Stiefeletten (reichten bis zum Knöchel und verbanden Stil mit Funktionalität) aus Leder, mit einer Sohle aus einem robusten Material sowie Abendschuhe: Elegant aus feinen Materialien, oft aus Satin oder Seide – ein Symbol des Reichtums und Status – getragen bei gesellschaftlichen Anlässen. Die Art und Qualität der Schuhe sagten viel über die soziale Schicht der Trägerin aus. Auch in der Literatur und Kunst der Epoche wurden die Schuhe als Metapher für Status, Macht und Charakter verwendet.

Die technologischen Entwicklungen des 20. Jh. Brachten erhebliche Veränderungen im Design und kultureller Wahrnehmung von hohen Absätzen, die durch neue Materialien und Herstellungstechniken vielfältiger wurden. Durch die Fortschritte der 1950er in der Stahlproduktion wurde, zum Beispiel, der Stilettoabsatz möglich, der wegen seines Glamours und Sexappeals durch die Hollywood-Ikonen, wie Marylin Monroe, bekannt gemacht wurde.

Kurz davor, um 1937, kam es zu einer Wiederbelebung der seit der Zeit der Chopinen bekannten Korkabsätzen durch S. Ferragamo, und so geriet der Plateau-Schuh ins Zeitalter der Moderne. Auch dieser Schuh erweckte die Vorstellung der enthüllten weiblichen Reize. Den Schuhproduzenten gelang es bei dem Pfennigabsatz, einen stabilisierenden Stab in den Absatz einzubauen. In den 1950er wurde der Schuh zu einem Symbol der Weiblichkeit. In 1970er brachte man den hohen Schuh für Männer wieder in Trend. Stars wie Daid Bowie oder Jimmi Hendrix trugen hohe Absätze, um ihre Bisexualität zu betonen.

Wenn Eleganz zur Pflicht wird


Die Antwort auf die Frage „warum?“ lautete: Weil´s den Männern gefällt, weil`s schick ist. Und so stellen sich manch Chefs immer noch eine perfekte Angestellte vor: der Rock endet knapp über dem Knie, das Make up ist dezent gehalten, die Schuhe haben einen Absatz.

Eigentlich darf man Frauen nicht dazu zwingen, hohe Absätze in der Arbeit zu tragen. Nichts destotrotz wird das Tragen von Stöckelschuhen in manch Berufszweigen wohl erwartet, obwohl das häufige Tragen von High Heels eine gesundheitliche Belastung darstellt. Hierzu gehören die Berufsgruppen wie Sekretärinnen, Stewardess, Messe Hostessen, Models oder Angestellte bei Banken und Versichrungen.  2015 wurden bei Filmfestspielen in Cannes weibliche Gäste mit flachen Schuhen auf dem roten Teppich abgewiesen.

2016 in Großbritannien wurde eine Petition für den Verbot von sexistischen Vorschriften, welche Frauen zum Tragen von High Heels verpflichteten, von über 152.000 Personen unterschrieben. Feministinnen erklärten, dass das längere Tragen von High Heels kurz- und langfristig Gesundheit und Wohlbefinden von Frauen beeinträchtigte und dass die Arbeitgeber für diese Problematik sensibilisiert werden sollen. Im Marz 2017 wurde diese Petition im Parlament diskutiert.

Nichtsdestotrotz sind Heels oft Teil des Outfits, das schick, extravagant und elegant sein soll. Durch das Tragen wirken Frauen oft schlanker und größer und werden als attraktiver wahrgenommen. Dies hilft allerdings wenig, die negativen Folgen für die Gesundheit zu vermeiden: während des Tragens sind die Füße hoch oben auf dem Absatz völlig unnatürlich positioniert und das Körpergewicht verlagert sich auf den Vorderfuß, was zu Stürzen führen kann. Weitere gesundheitliche Probleme sind Rücken- und Nackenschmerzen (weil sich die natürliche Ausrichtung der Wirbelsäule verändert). Auch Knien werden stärker beansprucht, was Knorpelmasse im Knie verschleißt und mittel- bis langfristig zu einer schmerzhaften Kniearthrose führen kann. Alles zieht Probleme der Wadenmuskulatur, Venenprobleme und Probleme mit den Zehen nach sich.

Der schmerzfreie Fuß: Stiletto Lift

Eine Lösung, das Tragen der High Heels im Alltag zu erleichtern, bietet die ästhetische Medizin, genauer gesagt, ein Botox-Angriff, „Stiletto Lift“. Bei dem Angriff wird Botox in bestimmte Bereiche des Fußes injiziert, insbesondere in die Fußballen und manchmal in die Zehen oder in den Fersenbereich. Botox entspannt die Muskulatur, reduziert übermäßige Belastung und minimiert Schmerzen, die durch das Stehen oder Laufen in hohen Schuhen entstehen. So entsteht eine zusätzliche Polsterung der Fußbereichen, die beim Tragen der Absätze beansprucht werden. Die Druckstellen werden ausgeglichen, wodurch sich das Tragegefühl von High Heels deutlich angenehmer anfühlt. Manche Kliniken bieten Angriffe mit Verwendung von Mikrofett-Transplantationen, wobei das körperliche Fett aus anderen Körperregionen entnommen und in den Fuß gespritzt wird. Der Angriff soll eine nicht invasive Lösung sein, um den Fuß widerstandsfähiger zu machen. Das Ergebnis ist eine gleichmäßige Druckverteilung beim Gehen, wodurch das stundenlange Tragen von High Heels erträglicher ist. Die Methode richtet sich vor allem an Frauen, die regelmäßig High Heels tragen – beruflich und privat. Hierzu gehören Tänzerinnen, Models und Business-Frauen, aber auch die Menschen, die unter chronischen Fußschmerzen leiden: Patient*innen berichten, dass die Wirkung den Gang insgesamt eleganter erscheinen lässt. Auch Männer, die häufig elegante Schuhe mit harten Sohlen tragen, scheinen neulich an dem Angriff Interesse zu haben.

Ärzte argumentieren, dass Botox seit Jahrzehnten in ästhetischer Medizin eingesetzt wird und als sicher gilt, wenn es von erfahrenen Ärzten verabreich wird. Bei Stiletto Lift handelt es sich um eine risikoarme Behandlung, dass das Botox gezielt in kleine Muskelgruppen gespritzt wird. Allerdings hält der Effekt nicht ewig: je nach Stoffwechsel und individueller Belastung des Fußes beträgt die Wirkungsdauer etwa drei bis sechs Monate. Um eine dauerhafte Entlastung zu erreichen, empfehlen die Ärzte, die Injektionen dauerhaft anzuwenden.

Mögliche Folgen von Botox zeigen sich teils erst mit der Zeit. Zu den langfristigen Auswirkungen können Muskelschwächen gehören, die durch die wiederholte Blockierung der Nervenaktivität entstehen. Dies kann sich in einer erschlafften Muskulatur äußern. In seltenen Fällen treten zudem allergische Reaktionen auf, etwa Hautausschläge, Kopfschmerzen oder Atembeschwerden.

Was macht also Heels aus?

Die High Heels waren nie bloß ein modisches Detail, sondern immer auch ein sichtbares Zeichen gesellschaftlicher Ordnung. Über Jahrhunderte hinweg standen hohe Absätze für Rang, Reichtum, Macht, Eleganz und später auch für eine bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit. Gerade deshalb erzählen sie nicht nur etwas über Modegeschichte, sondern auch über soziale Rollenbilder und darüber, wie stark der weibliche Körper immer wieder an äußere Erwartungen angepasst wurde.

Bis heute ist dieser Widerspruch nicht aufgelöst. High Heels gelten einerseits als Ausdruck von Stil, Selbstbewusstsein und Inszenierung, andererseits sind sie häufig mit Schmerz, körperlicher Belastung und sozialem Druck verbunden. Besonders problematisch wird dies dort, wo hohe Schuhe nicht mehr freie Wahl, sondern unausgesprochene Erwartung oder sogar berufliche Vorschrift sind. Dann wird aus einem Modeobjekt ein Symbol dafür, wie eng Schönheit, Anerkennung und Anpassung in vielen gesellschaftlichen Bereichen noch immer miteinander verknüpft sind.

Nicht der hohe Absatz an sich ist das Problem, sondern die Bedeutung, die ihm gesellschaftlich zugeschrieben wird. Solange Eleganz und Professionalität mit körperlicher Einschränkung bezahlt werden sollen, bleibt Kritik notwendig. Ein moderner Blick auf High Heels muss deshalb die Freiheit der individuellen Entscheidung in den Mittelpunkt stellen – also das Recht, sie zu tragen, wenn man es möchte, und ebenso das Recht, darauf zu verzichten, ohne an Attraktivität, Seriosität oder Weiblichkeit eingebüßt zu haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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